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von Giovi

Februar 2006

Ich weiß nicht recht, wie ich anfangen soll, weil ich so viel erzählen könnte. Julian und ich hatten ein sehr gutes Verhältnis zueinander und darüber bin ich unendlich froh. Ich kenne andere Geschwister, die sich nichts zu sagen haben und nichts miteinander zu tun haben wollen. So etwas konnten wir uns nie vorstellen. Julian war immer mein "Krümel", ein Spitzname, der noch aus einer Zeit stammte, als er noch zwei Köpfe kleiner war als ich - also schon lange her ;-). Mit der Zeit ist er mir zwar "über den Kopf gewachsen", aber er ist immer mein Krümel geblieben...

Mein Bruder war ein sehr lustiger Mensch, der gerne gelacht hat - über alles Mögliche. Manchmal prustete er los und konnte nicht aufhören. Wenn er dann versucht hat, wieder ernst zu werden, ging es meist erst richtig los. Ich weiß nicht, wie oft wir zusammen gelacht haben und Spaß hatten! Auf jeden Fall nicht oft genug.
Julian war sehr unternehmungslustig und hatte die tollsten Ideen. Einmal, als er schulfrei hatte, hat er mich für zwei Tage in Dortmund besucht und ist mit mir zur Uni gegangen! Ich hab ihn ganz stolz allen vorgestellt. Besonders in Blindenpädagogik hatte er viel Spaß und hat sogar mitgemacht (mein Prof war ganz begeistert von ihm). Julian hätte ja später auch gern studiert. Er wollte eigentlich mal Journalist werden, aber die geringen Erfolgsaussichten auf einen Job haben ihn ein bisschen abgeschreckt. Deshalb hatte er sich entschieden, Deutsch und Psychologie auf Lehramt zu studieren. Ich hatte mich schon so darauf gefreut, ihm zu helfen, seinen Stundenplan zusammen zu stellen. Er wurde aber NC-bedingt erst mal abgelehnt bzw. auf eine Warteliste gesetzt. Das hat ihm ganz schön zu schaffen gemacht, weil er nicht wusste, was er so lange machen sollte. Ironie des Schicksals: ein paar Tage nach seinem Tod kam die Nachricht, dass er doch mit Psychologie anfangen könnte. Und zwei Tage später auch noch die gleiche Bestätigung für Deutsch! Es wäre so schön gewesen...

Julian hat sich oft mit Freunden getroffen. Überhaupt war er sehr kontaktfreudig. Ich bin immer mit den Namen der ganzen Leute durcheinander gekommen, von denen er erzählt hat. Seine Freunde waren ihm wichtiger als die Schule... Er war sofort da, wenn jemand ihn brauchte, auch wenn am nächsten Tag eine wichtige Klausur anstand. Julian hat sich auch gerne um Kleinere gekümmert, besonders um Babys! Wenn wir irgendwo bei Familien mit kleinen Kindern zu Besuch waren, ist er gleich mit ihnen über den Boden gekrabbelt. Er wäre sicher ein guter Vater geworden.

Seine Lieblingsbeschäftigung war Musik hören. Er hörte immer und überall Musik. Aus seinem Zimmer drangen den ganzen Tag Lieder von den Toten Hosen, Roxette, Bon Jovi, Evanescence, Linkin Park usw... Wenn man zur Haustür hereinkam und alles still war, dann war Julian nicht zu Hause. Er konnte auch alle Texte auswendig und sang gerne mit. Oft bewegte er sich auch zu den Liedern, und sei es nur im Takt mit den Fingern zu schnippsen.

Julian am Klavier (2001)

Er versuchte auch, die Noten für alle möglichen Lieder zu bekommen, um sie dann auf dem Klavier nachzuspielen. Julian spielte seit seinem 5. Lebensjahr Klavier. Es war so schön, wenn man zu Hause im Wohnzimmer saß, und zuhören konnte, wie er z.B. "Listen to your Heart" von Roxette oder "Comptine d'un autre été" spielte.

Julian ist auch sehr gerne in Urlaub gefahren und hat dann meist fleißig Briefe und Postkarten verschickt. Ich habe im Laufe der Zeit auch einige Briefe von ihm bekommen (nicht so viele, weil wir ja meistens zusammen im Urlaub waren), und ich finde, seine Sprache verdeutlicht noch einmal sehr schön, was für ein lieber und lustiger Mensch er war. Deswegen hier ein kleiner Auszug aus einem langen Brief, den er mir 1999 aus Dänemark geschrieben hat (da war er 13):

"Wir gehen fast jeden Tag schwimmen. Die Wellen an "unserem" Nordseestrand sind fast so hoch wie wir groß sind. Macht echt Spaß, dort zu baden! Unser Haus hier ist leider nicht so der Hit. Hier gibt es keine Spülmaschine - das heißt, wir müssen selbst abspülen und abtrocknen - und noch nicht einmal einen Backofen! Weißt du, was das bedeutet?? Das bedeutet: keine Pommes Frittes, höchstens auswärts! Für mich ist das der größte Nachteil hier.

(...) Aber mir läuft die Zeit davon, so dass ich aufhören muss. Also tschüß und viele liebe Grüße an die liebste Schwester der Welt, Dein Krümel

P.S.: Streichel bitte Ronja (die besonders), Robin, Ricky und Samson von mir."
[Ronja & Robin waren unsere Hunde - Ronja war krank, Ricky & Samson waren unsere Katzen]

Neben den ganzen schönen Erinnerungen fällt mir auch etwas ein, was mich gestört hat: ein weiteres Hobby von ihm waren Computerspiele. Er hatte eine Vorliebe für diese Ballerspiele, in denen (in meinen Augen) sinnlos herumgeschossen wird. Das hat mich immer irgendwie traurig gemacht und auch wütend. Es hat so gar nicht zu seinem sonst so lieben Wesen gepasst und ich habe nie ganz verstanden, warum solche Spiele überhaupt entwickelt werden. Jetzt würde ich alles dafür geben, noch einmal diese Geräusche aus seinem Zimmer zu hören und mich darüber aufregen zu können :-/

Julian war auch immer für Kino zu haben. Er wusste stets, welche Filme gerade liefen. Jeder Film, der ihm sehenswert erschien (und das waren nicht wenige!), wurde angeguckt. Man konnte sich stundenlang mit ihm über die Handlung oder die Darsteller unterhalten. Was uns wahnsinnig machte, war, wenn uns nicht einfallen wollte, woher wir einen bestimmten Schauspieler kannten ("Aaaah, jetzt sag doch mal! Woher kenn ich den denn bloß, verdammt?!"). Dann wurde so lange überlegt, bis es uns einfiel. Wir diskutierten auch oft über logische Fehler, ihm entging nichts ("War ja ÜBERHAUPT nicht unlogisch, dass der das da ganz ZUFÄLLIG findet, ne?")! Selbst grottenschlechte Filme hatten im Nachhinein ihr Gutes, weil man so schön mit ihm darüber lästern konnte ("Jaja, das mach ich auch immer so... Wattn Schmodder!"). Noch Wochen später mussten wir lachen, wenn er mal wieder eine besonders schlechte oder unlogische Szene parodierte.

Julian mit M. Zorc (1998)

Was uns auch sehr verbunden hat, war der Fußball. Ich hatte ihn mit meiner Begeisterung für Borussia Dortmund angesteckt. Nachdem wir 1998 endlich Dauerkarten fürs Stadion hatten, standen wir bei (fast) jedem Heimspiel auf der Südtribüne. Bei Wind und Wetter waren wir da und haben unsere Jungs angefeuert. Zuletzt waren seine Lieblingsspieler Dede, Rosicky und Metzelder. Aber noch mehr bewundert hat er Stefan Klos, Kalle Riedle, Michael Zorc, Icke Hässler und Teddy deBeer. Er war echt traurig, als sie Dortmund verließen bzw. aufhörten! Ich vermisse die Stadionbesuche mit ihm sehr. Wir haben so oft zusammen gelitten, gejubelt und uns hüpfend in den Armen gelegen. Wenn es mal ein schönes Tor gab, dann konnte man oft hören "Hast du das gesehen!?! Bor, watt ein geiles Dingen!"
Er konnte sich aber auch wunderbar aufregen, wenn ihm etwas nicht passte: "Is die Rasenheizung an oder was? Steh auf da!", "Bor, was is der Schiri doch für ein Blindfisch!", "Maaa, schieß doch, du Gurke!", "Ey, mach unsern Rasen nich kaputt!"
In der Halbzeitpause haben wir uns dann immer über Gott und die Welt unterhalten - wenn er nicht gerade mit SMS-schreiben beschäftigt war (er hatte die lästige Angewohnheit JEDEM zu antworten, der ihm textete. Hat ihn oft viel Zeit gekostet)... Mittlerweile habe ich meine Dauerkarte abgegeben - es macht keinen Spaß ohne ihn. Es ist einfach nicht dasselbe und wird es nie wieder sein.

Im Mai 2004 habe ich geheiratet. Ich wollte, dass einer meiner beiden Brüder mein Trauzeuge wird. Sie sollten selbst entscheiden, wer das sein sollte. Als Julian das hörte, rief er gleich: "Ich, ich, ich!" Er war sofort Feuer und Flamme. Meine Brüder einigten sich darauf, dass Julian Trauzeuge sein durfte und Claudio dann dafür Taufpate des ersten Kindes werden sollte (sehr weitsichtig). Ich bin so froh, dass Julian dann neben mir saß. Er war so stolz und glücklich und strahlte mit mir um die Wette. Gott sei Dank, dass die Hochzeit nicht für 2005 geplant war! Der Tag hätte sonst niemals so schön werden können.

Dolly

Wir haben in unserer Wohnung ein großes, etwa kniehohes Kuschel-Schaf stehen, das wir "Dolly" getauft hatten. Als Julian es zum ersten Mal sah, war es sofort um ihn geschehen! Er wollte es am liebsten mitnehmen! Jedes Mal, wenn er zu Besuch war, führte sein erster Gang zu Dolly, um ihr die Nase zu streicheln ("Jetzt muss ich erstmal Dolly begrüßen!"). Und ein Running-Gag von ihm war es, beim Abschied Dolly hinter seinem Rücken zu verstecken, um sie so aus der Wohnung zu schmuggeln. Das sah immer so lustig aus, weil Dolly viel zu groß war, als dass er sie einfach hinter seinem Rücken verstecken konnte.
Weil er sich so sehr in dieses Schaf verliebt hatte, wollten wir ihm eine Freude machen, als er dann mit Pfeifferschem Drüsenfieber im Krankenhaus lag. Wir bestellten im Internet eine kleinere Version von Dolly, die wir dann mit ins Krankenhaus nehmen wollten. Wir stellten uns sein Gesicht vor, wenn er aufwachen und dem Schaf ins Gesicht blicken würde.
Er hat es leider nie gesehen... Es kam erst einige Tage nach seinem Tod mit der Post. Als Zugabe gab es übrigens einen Bleistift mit der Aufschrift "Ohne dich ist alles doof". Wie passend...
Ich vermisse ihn sehr.

Ich habe lange gezögert, diesen Text zu schreiben. Die Erinnerungen tun so weh... oder vielmehr, dass keine neuen dazu kommen werden. Ich bin sehr stolz und glücklich einen Bruder wie Julian gehabt zu haben. Ich wünschte nur, ich hätte niemals so einen Text schreiben müssen...


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